Wie niedlich!

Vielleicht ist Ihnen das auch schon einmal passiert: Sie unterhalten sich mit einem Ausländer und der findet die deutsche Sprache unmelodiös, hart und kalt – alles andere als schön jedenfalls. Wissen Sie, was ich in dem Fall mache? Ich erkläre ihm die Verniedlichungsform.
Denn da wird der Baum zum Bäumchen, die Stadt zum Städtchen, da fliegt ein Bienchen zum Blümchen und man kommt vom Hölzchen zum Stöckchen. Ich erzähle ihm, dass das Diminutiv die meisten Sachen verkleinert und hauptsächlich im Umgang mit Kindern benutzt wird – so wie die Mär zum Märchen gewandelt, wird dort auf Stühlchen gesessen, aus Becherchen getrunken und von Tellerchen gegessen, im Sandkasten gibt es Förmchen und Eimerchen und bevor es ins Bettchen geht, gibt man sich erst noch ein Küsschen.
Auch im Umgang mit Haustieren ist Frauchen (häufiger als Herrchen jedenfalls) bereit, alles Mögliche mit einem »chen« zu versehen. Da frisst das Kätzchen das Vögelchen, nicht nur der kleine Hund wird zum Hündchen, und der gibt als Paradebeispiel Pfötchen, und stürzt sich anschließend auf sein Fresschen. Auch in der Liebe trifft man sich wieder: beim Liebchen und Schätzchen beispielsweise oder es wird auch schon mal ein gestandener Mann (für die Außenwelt oft belustigend) zum Häschen erkoren, also wenn schon, dann doch bitte ein Bärchen. Aber auch er selbst ist kaum besser und nennt seine Liebste Mäuschen.

»Kleine« Steinchen

So weit, so einfach: Ist etwas kleiner als normal, bekommt es die Nachsilbe. Aber wir wären nicht deutsch, wenn es nicht auch dort einige Besonderheiten und Ausnahmen gäbe. So sind die orange-weiß gestreiften Hütchen, die manchmal auf der Straße stehen, größer als jeder Hut und ein Fleck auf der Bluse ist zwar ärgerlich aber meist klein, im Gegensatz zum Fleckchen, welches eigentlich nur in der Redewendung »Fleckchen Erde« vorkommt. Oder nehmen wir den Platz: Groß und gewaltig kommt er oft daher, manchmal auch staatstragend – als Plätzchen findet man es aber meist auf dem heimischen Backblech. Es wird also nicht immer nur verkleinert, sondern auch verändert: Das Brett liegt auf der Baustelle, das Brettchen meist auf dem Küchentisch; der Freund wird als Freundchen nicht etwa klein, sondern zur Drohung; und das Schirmchen findet man nur noch auf dem Eisbecher.
Wenn man dem Verkehrspolizisten sagt, man habe »nur ein Gläschen« getrunken, meint man eigentlich, dass man unbedingt noch verkehrstüchtig ist und nicht etwa aus einem kleinen Glas getrunken hat. Überhaupt werden die Risiken des Alkohols heruntergespielt – ob es nun leckere Tröpfchen sind, ein, zwei Schlückchen Sekt für den Kreislauf, oder ein paar Bierchen nach Dienstschluss, gerne verharmlosen wir den Alkoholgenuss dergestalt. Die Russen sind da kaum besser, so bedeutet der Wodka (die Endung »ka« entspricht dem deutschen »chen«) auch nichts anderes als Wässerchen.

Eine kleine Tür hingegen bleibt eine Tür – zum Türchen mutiert sie erst in Adventskalender- oder Kuckucksuhrgröße. Und manche Sachen sind per se schon so klein, dass man sich fragt, warum aus dem Krümel unbedingt ein Krümelchen, oder aus der Gasse ein Gässchen werden muss. Die Hose macht durch die Verkleinerung zum Höschen eine Wandlung zu einem Stück Unterwäsche durch und die Brust wandert als Brüstchen höchstens auf den Teller und wird gegessen.
Es gibt ein paar Wörter, die kommen schon niedlich daher: das Eichhörnchen, das Mädchen und das Bisschen, da ist die Urform entweder nicht (das Eichhorn) oder kaum noch gebräuchlich (die Magd) oder man stellt den Zusammenhang nicht mehr ohne weiteres her (der Bissen).

Überfordern Sie Ihren Ausländer aber nicht und verschweigen ihm besser, dass es auch noch die Nachsilbe »lein« (selten) oder »erl« (bairisch) oder »le« (schwäbisch) gibt, denn falls er aus einem Land kommt, wo dies ungebräuchlich ist, hat er schon genug zu knabbern. Auf jeden Fall war das ein Plädoyer, wie schön Deutsch sein kann und auch wenn er Wörter wie »Streichholzschächtelchen« oder »Eichhörnchen« nie wird aussprechen können, haben Sie sein Vorurteil vielleicht ein bisschen abgemildert.


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