Digger seine Erotik

Los geht’s

Ist jemand dabei, der kein Blut ab kann? Wäre aber nur halb so wild, kommt gar keins vor, jedenfalls keins, welches irgendwo austritt. Wär ja auch blöd, bei einer erotischen Geschichte, oder? Ich mein, im Krimi ist das ja völlig normal, aber bei Erotik? Das ginge vermutlich selbst mir zu weit. Ich habe zwar ein ziemliches Faible für Natürlichkeit – man könnte schon fast Fimmel sagen – aber ich will es nicht übertreiben. Also, Blut darf rauschen, gerne in den Ohren, es darf uns rote Bäckchen zaubern, als Steigerung auch einen roten Kopf und bei einem anderen Körperteil ist es für eine erotische Geschichte sogar meist unabdingbar! Bei welchem, das ist nur auf den ersten Blick unzweifelhaft, es kommt nämlich darauf an. Das erste, was einem einfällt, ist natürlich der Schwanz. Ohne Blut geht da nämlich nicht viel bis gar nix. Aber das Blut in den Schwänzen meiner Darsteller ist ja nur virtuell, es fließt auf dem Papier in fiktive Pimmel und wird dort zu imaginären Erektionen. Damit würde sich mein Gehirn jedenfalls nicht zufriedengeben. Ebenso wenig wie das eure. Und beim Schreiben und Lesen eines Pornos ist nun mal das Gehirn jenes Körperteil, auf das es wirklich ankommt. 

Neunundneunzig von hundert erotischen Geschichten merkt man hingegen an, dass den Autoren das nicht bewusst war. Da wird die eigene Geilheit beim Schreiben vielfach zum Stolperstein, da das oben dringend benötigte Blut sich gerade woanders befindet – jedenfalls bei den männlichen Schreibern. Die Autoren mit dem geheimnisvollen Schlitz im Schritt oder der Orchidee ebenda haben wiederum andere Defizite, aber das soll gar nicht das Thema sein. Ich will viel lieber über meine Kriterien sprechen, was eine gute Geschichte ausmacht und ehrlich gesagt, ist es dabei ziemlich egal, ob die nun erotisch ist oder nicht. Im Normalfall nämlich kaschiert der Sex in einem Text doch nur, dass ihm sonst jeglicher Reiz fehlt. Das wichtigste sind natürlich erst einmal die Personen. Meistens ist es doch so: Sie sind so blass, so flach, so lieb- und lustlos gezeichnet, sie handeln und sprechen (wenn überhaupt) so schablonenhaft, dass man glauben könnte, die Erektion sei nur der Beginn der einsetzenden Leichenstarre. Immer wenn ich von ebenmäßigen Gesichtszügen, straffen Brüsten und seidenweichen Schenkeln lesen muss, kommt mir ein bisschen Kotze hoch, ehrlich. Fehlen noch die halterlosen Strümpfe und hochhackige Schuhe (neudeutsch Highheels) und fertig ist der feuchte Traum der meisten Männer, traurig aber wahr. 

Will ich beschreiben, wie scharf ich auf jemanden bin, dann schildere ich diese Person so genau wie nötig, aber so ungenau wie möglich! Schließlich müssen meine Leser noch Platz für ihre eigenen Fantasien und Vorstellungen haben, seien sie nun an meiner statt oder das Objekt der Begierde. Statt sie detailliert zu beschreiben, lasse ich die Personen lieber handeln, denn dadurch charakterisiert man jemanden am besten. Den Rest erledigen Leser und Leserin. Körbchengröße, Schwanzlänge etc. kann sich dann jeder nach seinem Geschmack gestalten, sofern mein Handlungsrahmen das zulässt. Was ich damit meine, ist klar. Dass ich kaum in der Lage bin Claudia Roth über die Schwelle zu tragen, dürfte jedem einleuchten. Also ergeben sich körperliche Merkmale aus dem, was die Personen tun und was ich mit ihnen vorhabe. Wenn ich mir jemanden mit einem zierlichen A-Körbchen ausgedacht habe und bekomme nach drei Seiten Lust auf einen Mammakoitus, muss ich noch mal zurück und das ändern. Oder ich begnügt mich damit, sie zu bekleckern. Kann ja auch ganz nett sein.